Der Blumenzwiebel-Wahn

Der Blumenzwiebelwahn verfolgt mich schon seit den Tagen, als ich noch in der Grundschule war. Begonnen hat es mit Milchsternen, die meine Mutter als „Unkraut“ bezeichnete und am liebsten loswerden wollte. Stattdessen sorgte ich für eine großflächige Verteilung im Garten, indem ich all die schönen Zwiebelnester auseinanderpflückte und die einzelnen Zwiebeln wieder einpflanzte. Die Nachkommen dieser Aktion stehen zum Teil noch heute, nach rund 25 Jahren.

Ich stellte fest, dass man auch Puschkinien, Blausternchen und Krokusse ausgraben und teilen konnte. Irgendwie faszinierte mich das schon damals und tut es noch heute.

Es folgte eine recht lange Phase, in der ich mit Stiefmütterchen, Fleißigen Lieschen und Primeln experimentierte. Danach legte ich ein Schneerosenbeet an, das sich im Laufe der Jahre über den halben hinteren Garten ausgebreitet hat. Dazwischen wachsen noch einzelne Akeleien.

Anno 1999 bekam ich die Gelegenheit, bei Stuttgart einen Garten anzulegen. Zum ersten Mal machte ich eine eigene Bestellung in einem dieser herrlichen bunten Gartenkataloge. Meine Mutter hatte mich immer gebremst mit den Worten „Das sieht nur auf den Bildern so toll aus“ (oft wahr) und „Wir haben gar keinen Platz mehr im Garten“ (definitiv wahr). So kam ich zu meinen ersten Dahlien, niedrigen, frühblühenden einfachen Dahlien, deren Abkömmlinge noch heute im Garten meiner Mutter existieren. Aus den Dahlien zog ich im Folgejahr Sämlinge und nachdem meine Mutter sah, dass die Dahlien schon Ende Juli blühten und reichlich von Schmetterlingen, Bienen, Hummeln und Schwebfliegen besucht wurden, fand sie doch noch einen Platz.

Während des Studiums kam ich nicht über eine Balkonbepflanzung mit Tulpen und Krokussen hinaus. In einem Nebenjob in der Hausverwaltung bepflanzte ich mit Begeisterung fremde Beete mit den Tulpen und Narzissen, die es inzwischen auch bei Aldi und Lidl billig zu kaufen gab. Ansonsten pflegte ich mehr oder minder erfolgreich über 100 Orchideen in meiner 27m“ großen 1 1/2-Zimmer-Wohnung, Ich begann, meine Mutter und Tante mit Dahlien-, Lilien-, Tulpen- und Narzissengeschenken zu nötigen, ihren Garten zu bepflanzen, bis beide irgendwann zu dem Beschluss kamen, dass die Dahlien überhand genommen hatten und weg müssten. Als ich auch noch anfing, voller Begeisterung die großen uralten Wurzelstöcke auseinander zu pflücken, war der Widerstand perfekt. Schließlich fanden sich doch einige begeisterte Abnehmer und es entstand Platz für weitere tolle Sorten.

Als meine Tante sich nicht mehr um ihren Garten kümmern konnte, begann meine Mutter, dort zu expandieren. Aus den Kartoffelbeeten wurden Beete für Sonnenhut, Dahlien, Lilien, Gladiolen, Taglilien und Schwertlilien. Ich säte fleißig Winterlinge aus, pflanzte alles, was mir in die Finger kam und bald war auch hier nur noch begrenzter Platz verfügbar.

Deshalb war die Freude umso größer, als ich an meinem Arbeitsort ein billiges Gartengrundstück kaufen konnte. Meine Mutter belud mein Auto mit über hundert Dahlien und in meinem Wahn kaufte ich noch mehr tolle Sorten. Mein Freund kam mit dem Beete graben kaum nach. Ebenso euphorisch kaufte ich im Herbst dann Unmengen Tulpenzwiebeln, die ich kurz nach der Geburt unseres Sohnes kaum mehr einpflanzen konnte, weil die Zeit plötzlich so knapp geworden war. Noch im Dezember versenkte ich bei Nieselregen Zwiebel um Zwiebel im halb gefrorenen Boden. Es war ein Kraftakt. Den Rest pflanzte ich in Töpfe, was keine so gute Idee war, wie sich dieses Jahr herausstellte.

Im April erbte ich dann das Haus meiner Tante. Recht schnell war klar, dass wir dorthin ziehen würden, zumal schon der nächste Nachwuchs ins Haus steht. Zähneknirschend begann ich, meine übrig gebliebenen Tulpenzwiebeln zu verteilen, da im neuen Garten ja kaum mehr Platz ist. Mit meiner Mutter und meinem Freund eliminierte ich Stück für Stück des Rasens, um noch eine Reihe Dahlien dazwischen zu quetschen. Allein meine Dahlien dürften inzwischen die 400 Stück überschritten haben. Wie viele Dahlien meine Mutter und meine andere Tante haben, lässt sich gar nicht schätzen. Streit um den Platz war vorprogrammiert. Als es meiner Mutter zu bunt wurde, marschierte sie eines Nachmittags los und kehrte nach einer Stunde mit der Nachricht zurück: „Ihr kriegt ein Grundstück. Die Besitzer sind froh, wenn sich jemand darum kümmert.“

Da hätte man sich das Verramschen der Vorjahreszwiebeln sparen können. Das Gute ist: Jetzt kann ich wieder neue Sorten bestellen (was ich natürlich längst getan habe). Und diesmal kommen auch noch Taglilien und Schwertlilien dazu. Ein Stück Acker, nur mit Grasbewuchs – das muss bepflanzt werden! Der Wahn nimmt kein Ende 😉

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