Ein paar Nachträge

22. August 2010

aus dem Schnippelkurs

Ich sehe nur müde aus. Das ist was Genetisches. Innerlich sprühe ich vor Elan und Tatendrang. Felix ist jetzt krank geschrieben mit dem Verbot, unter Menschen zu gehen. Ist trotzdem da. Und leidet. Und steckt bestimmt alle mit seiner Seuche an. Vielleicht hat er Hirnhautentzündung. Zutrauen würde ichs ihm.
Normalerweise werde ich immer erst nach der Mittagspause hysterisch. Aber an diesem Tag war sowieso alles komisch. T. hat wohl so ein Seminar vom Typ “Mitarbeiter motivieren” oder “Wie gewinne ich Freunde?” besucht, denn schon morgens flötete er mir ein “Guten Morgen, Karin” entgegen. Da war ich natürlich höchst geschmeichelt, man wird schließlich nicht so oft persönlich begrüßt. Als er dann etwas später ein “Wie läufts, Karin?” nachschob, fand ichs schon etwas schräg. Aber das “Na, Karin, hörst dus dir nochmal an?” war zuviel des Guten. Einmal ist charmant, zweimal ist seltsam, dreimal ist gruselig. Da fühlt man sich augenblicklich wie das Opfer eines soziopsychologischen Manipulationsexperiments.

Christian hat mir verboten, das Wort “Pep” zu benutzen, denn “die 80er Jahre wollen ihr Wort zurück”. Ich hatte auch noch Elan oder Esprit zur Auswahl, aber man muss ja hin und wieder variieren. Außerdem tragen auch alle 80er-Jahre-Klamotten und ich bin ja bekannt für mein Modebewusstsein. An Felix’ Tisch saßen so ein paar Mädels, die sich anzogen wie meine Mutter mich damals in der Grundschule: Ballonrock, blickdichte Strumpfhose, Lackschühchen. Grenzwertig. Aber die Leopard-Muster-Leggings - sowas hätte meine Mutter mir nie angetan und hiermit möchte ich ihr dafür danken.

Apropos damals - gestern habe ich wieder gemerkt, wie alt ich bin. Dieser ganze Spongebob-MistHype ist ja voll an mir vorbeigegangen. Zum Glück wurde mir vom Kurs danach versichert, dass ich da nichts verpasst habe. Im Anschluss entspann sich zwischen Felix und mir eine Diskussion über Animes und er wollte eigentlich sagen, dass Biene Maja in Japan gezeichnet wurde, sagte stattdessen aber: “Die Biene Maja wurde in Japan gezüchtet” und ob der Vorstellung, wie kleine bebrillte Japaner versuchen, sprechende Bienen zu züchten, musste ich herzlich lachen. Man nennt das Lagerkoller. Wenn Leute im Praktikum dauernd aufeinander sitzen, werden sie irgendwann bekloppt. Das ist bestimmt auch der Grund, warum die wenigsten Praktika länger als zwei Wochen am Stück dauern. In der ersten Woche strengen sich alle noch einigermaßen an und bereiten sich vor, aber in der zweiten Woche geht es steil bergab. Da schubst man schon mal jemanden beim Pipettieren oder testet sämtliche verfügbaren KörperFlüssigkeiten auf ihren pH-Wert und Brechungsindex. Wenn der Kurs noch ne Woche länger ginge, würden wir vermutlich anfangen, uns gegenseitig zu essen.

“War ja klar, dass wieder ne Frau die schönsten Hoden hat.”
“Ihr habt wenigstens ein richtiges Gehirn. Nicht so ein Gematsche wie der da drüben.”

Am Ende könnte man glatt ein ganz klein wenig sentimental werden. Nun hab ich es endlich so weit gebracht, dass man mich mal lobt und sogar ein Geschenk habe ich bekommen (ich hätte selbst nicht mal gedacht, dass ich mich so darüber freuen würde) - bin also quasi auf dem Höhepunkt meiner Karriere - und nu geh ich in Rente. Aber so machen das ja alle großen Stars.

Demaskiert

16. August 2010

Heute wurde ich im Schnippelkurs auf peinliche Weise daran erinnert, dass ich ja noch ein Blog besitze. Voll Naivität und Engagement hatte ich den Link zur Mantidengalerie angeschrieben, nichtsahnend, wie ich das schon seit Jahren tue, ohne dass je ein Mensch auf die Idee gekommen oder so “technisch versiert” gewesen wäre, von dort zu meiner eigentlichen HP und damit zu meinem Blog zu kommen. Zugegebenermaßen ist das nicht so schwer, wenn man einfach dem Link folgt, der auf den Bildern angegeben ist. Aber ernsthaft, wer macht das schon?
Na, einmal ist bekanntlich immer das erste Mal und als ich meine nächste Runde um den Tisch drehte, wurde ich plötzlich mit meinen eigenen geistigen Ergüssen von anno dazumal konfrontiert. Hat sich angefühlt, als hätte jemand aus meinem Tagebuch vorgelesen. Ich muss rot geworden sein (ich weiß nicht, ob man das sehen kann, aber innerlich war ichs auf jeden Fall) und hätte am liebsten wie in der dritten Klasse dem Menschen sein Netbook weggenommen und es aus dem Fenster geworfen. Leider hilft das nicht gegen das Internet. Jedenfalls nicht nachhaltig. Ich wurde demaskiert.
So wie Zorro aufm Pott.

Aber mal zu was anderem: Felix hat wieder Wehwehchen. Als er den Tisch neben mir bezogen hat, war mir irgendwie schon klar, dass ich noch mindestens eine weitere Person betreuen muss. Ich kenn das ja noch aus Costa Rica-Zeiten, wo er schon auf dem Weg zum Flughafen dauernd pinkeln musste, dann noch nen Zahn gekriegt hat, danach zwei Tage 40 Fieber hatte und als endlich mal Ruhe war, hat er seinen Pass verloren und musste mit dem Bus quer durchs Land zur deutschen Botschaft.
Zumindest hat das einen gewissen Unterhaltungswert. Wenn mal nichts los ist, kriegt er halt Nasenbluten. So wie heute in der Mensa. Man darf immer gespannt sein, was er sich für den nächsten Tag ausdenkt. Für den Rest der Woche tippe ich ja auf eine Blutvergiftung. Der seltsame rötlich-bläuliche Fleck an seinem Unterarm deutet zumindest darauf hin. Liegt jetzt auch nicht sooo fern, denn das in der Mitte vom Fleck sieht aus wie Bissspuren, da waren wir uns alle einig.

Ansonsten passiert nicht viel. Die meisten Leute machen, was sie sollen und niemand nervt mich. Das ist gut. Entweder sind die Studenten vernünftiger geworden oder ich. Ist nicht auszuschließen, man wird ja älter und irgendwann verliert es seinen Reiz, sich darüber aufzuregen, dass die Leute aus dem Buch abzeichnen statt vom Tier. Man muss die Messlatte nur niedrig genug ansetzen. Wenig erwarten, viel leisten, so hält man sich Ärger vom Leib, sagt schon Konfuzius. Den ersten Teil praktiziere ich durchaus erfolgreich. Man kann sich dann auch mal richtig darüber freuen, wenn etwas so klappt, wie es soll. Ja, der Vormittagskurs ist gar mein ganzer Stolz. Sie wurden schon zweimal vom Dozenten gelobt und sind absolut vorbildlich, dabei handelt es sich ausschließlich um Berufsschullehrämtler für Gesundheits-/Pflegewissenschaften und Kosmetologie. Man stelle sich das vor! Da knirschen die Organismiker nur mit den Zähnen.

Amokläufchen in Oxfördchen oder Der Gedanke zählt

29. Juli 2010

In Osnabrück ist ja alles etwas kleiner und dezenter als in richtigen Städten. Da Osnabrück aber auch bei den großen Metropolen mitmischen will, gab es ja diese Werbekampagne, für die wir uns noch heute schämen und an die ich spontan denken musste, als Julia mir beim Eis essen von einem skandalösen und schockierenden Ereignis berichtete, das die Abteilung Biologie zutiefst erschüttert.
Offenbar war eine der 0815-Studentinnen, die man zwar irgendwie so kennt, aber nicht richtig, in die Biochemie spaziert auf der Suche nach Herrn U. Nun hatte Herr U. das unverdiente Glück, auf einer Tagung zu sein, was man ihr mitteilte, woraufhin sie zu Herrn E. ins Büro marschierte und ihm auf die Nase schlug. (Das war die Stelle, wo alle um uns herum guckten, weil ich so laut lachen musste.) Aber um mal Dritte zu zitieren: Getroffen hätts so oder so keinen falschen. Jedenfalls warf sie im Anschluss mit Sachen durch die Gegend und zog dann eine Spur der Verwüstung durch die Gänge. Sie riss Poster von den Wänden, warf Blumentöpfe um und tobte so vor sich hin, erst im neuen, dann im alten Gebäude, bis sie in der Neurobiologie von einer 1,60m-Doktorandin und deren männlichem Äquivalent gestoppt werden konnte. Unten wartete schon die Polizei auf sie. Letztlich verkündete sie noch: “Ihr könnt Euch schon mal dran gewöhnen, ich komme jetzt öfter.” Grotesk. Aber lustig.

Juhu!

16. Juli 2010

Ich konnte mich endlich dazu aufraffen, mein Blog wieder hochzuladen. Ist aber auch erst so ein halbes Jahr her, dass meine Seite gehackt wurde, was ich nicht mal selbst gemerkt habe, sondern Jan. Immerhin! 
Leser hab ich bestimmt keine mehr. Naja, außer mich selbst. Aber das ist ok. Jetzt kann ich wieder beleidigen, wen ich will.

Das Design ist leider abhanden gekommen, ebenso wie eine Unmenge Bilder, die ich vielleicht im Laufe der Zeit wieder zusammensuche/bearbeite/hochlade, sofern ich sie noch habe. Die meisten Beiträge incl. Kommentare waren auch wiederherzustellen, denn eine glückliche Fügung hatte mich dazu veranlasst, noch kurz vor dem Hack untypischerweise mal ein Backup der gesamten Datenbank zu machen. Das war ziemlich geschickt von mir. Will nicht wissen, wie viele hundert Arbeitsstunden und nette Erinnerungen verloren gegangen wären. Schlimm genug das mit den Bildern.

Die Zeiten ändern sich mal wieder oder eigentlich ständig

1. Dezember 2009

Gestern hab ich auf irgendsonem Kracherlessender mit nem RTL im Namen eine Reportage über “Casual Sex” gesehen. Früher hieß das noch Rumhuren und war eine anerkannte Krankheit. Heutzutage ist es Ausdruck des modernen Lifestyle, weil es total praktisch ist, mit Wildfremden rumzumachen. Da wurden vier stolze casual-Sexuelle gezeigt, also “Gelegenheits-Sex”-Praktizierende. Auf mich wirkte das eher wie Sex bei jeder Gelegenheit. 4-6 Partner habe sie pro Monat, erzählte das durchaus hübsche Mädel. Es gehe einfach ums Spaß-haben. Aber ist das wirklich so ein Spaß? Sich volllaufen lassen, mit einem Gesichtslosen auf ne Kneipentoilette gehen und am nächsten Tag verkatert feststellen, dass es eigentlich mehr so lala war und schon längst im Sumpf der Bedeutungslosigkeit untergeht, noch eh man sich verabschiedet? Auf mich wirkte das eher ein bisschen verzweifelt, wie jener junge Mann versuchte, sein mittelmäßiges Erscheinungsbild durch Prahlereien über seine Eroberungen aufzupolieren. Aber ich verstehe ja viele moderne Definitionen von Spaß nicht.
Der Abstrusitäten nicht genug, schloss sich eine weitere Art von Reportage an, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie nun “echt” oder geschauspielert war. Die Grenzen sind da ja fließend, seit es Serien wie Salesch gibt und inzwischen werden sie immer verschwommener. Aus Dokumentationen werden Doku-Soaps und dann Doku-Novelas, es ist alles sehr wirr und falls ich doch eines Tages Kinder haben sollte, werde ich sie vom Fernseher fern halten, wenn schon ich selbst zum Teil nicht mehr unterscheiden kann, was daran echt und was gestellt ist. Die Protagonistin X jedenfalls hatte ein Problem mit ihrem Freund Y. Dem war plötzlich nach längerer Beziehung aufgefallen, dass ihm ihre Brüste zu klein sind. “Zu ner guten Beziehung gehören schon große Brüste”, sagte er voll Überzeugung. Das erklärt natürlich, weshalb heutzutage so viele Beziehungen scheitern: Die Brüste sind schuld! Aber eigentlich stand das auch schon in der Bibel, von daher sollte es nicht überraschen. Am Ende, nachdem er sie erpresst hat, eine OP durchführen zu lassen, weil er sie sonst verlässt, und sie sich bei ihrem Exfreund ausgeheult und beschlossen hat, es nicht zu tun, versöhnen sich beide wieder und alles ist toll. Er wird einsichtig, ihre Brüste haben plötzlich wieder die richtige Größe und mit ein paar Kerzen ums Bett herum erobert er im Nu ihr Herz zurück. Was ne blöde Scheiße.
Dann Nachrichten. “Nachrichten”. In der Schweiz dürfen keine Minarette mehr gebaut werden. Aha. Ja. Also…wieso? Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zuerst dachte, ein Minarett wäre so ein Urnenlagerhaus (das ist aber ein Kolumbarium, wie ich inzwischen herausgefunden habe). Tatsächlich ist es das Türmchen, das zur Moschee gehört. Mich wundert ehrlich gesagt, dass genug Leute damit vertraut sind, um darüber eine Volksabstimmung anzuleiern. Aber gut, nehmen wir an, ich habe einfach nur gravierende Bildungslücken und die Schweizer sind besser informiert als ich. Wieso zum Geier soll man jetzt den Moschee-Glockenturm verbieten? Da kann man auch das Glockenläuten sonntagmorgens verbieten, das bringt regelmäßig rechtschaffene Bürger um ihren Schlaf. Oder am besten gleich so ehrlich sein und den Moscheebau verbieten, denn danach stinkt das Ganze doch irgendwie. Oder gibt es irgendeinen triftigen Grund, weshalb gerade das Türmchen so ein Aufsehen erregt? Versteh ich nicht.
Dann kam noch ein Schmankerl, das mich irgendwie amüsiert hat. Anscheinend hat in Österreich irgendjemand den Sarg eines Milliardärs geklaut. Seither ist man auf der Suche nach dem Sarg und jetzt soll selbiger in Ungarn gesichtet worden sein. Eigentlich eine sehr pragmatische Herangehensweise: Wenn es keine Räder hat, nehmen wir es gleich ganz mit. - Im Zweifelsfall auch mit Insasse.

EILMELDUNG!

15. September 2009

Wie titelte Christian im entsprechenden Thread so schön? “Ich dachte, ich hätte alles gesehen…” :
Achtung, liebe Leute, es kursieren inzwischen gefälschte Idolomantis-Ootheken aus Bauschaum!

Ein echter Brüller. Aber das ist wohl gar nicht das Schlechteste, denn so kommt das Geschäft mit den Wildfängen vielleicht zum Erliegen.
Jetzt stellt sich mir doch eine Frage: Wenn man mit gefälschten Orchideen handeln würde - wie ist das rechtlich? Wäre das eher Betrug oder eher ein Verstoß gegen WA? Oder bekäme man gar die doppelte Packung? Oder keins von beidem?

Schnippelkurs

15. September 2009

Der Schnippelkurs ist diesmal ziemlich ruhig verlaufen. Ich hatte kaum was zu lästern, was fast schon langweilig ist. Die einzige anstrengende Person war eine Zellenfrau aus Kurs B, die mich ständig alles mögliche gefragt hat. Ich dachte noch so: Hey, die ist eigentlich gar nicht schlecht. Ihre Zeichnungen waren auch ok. Am letzten Tag musste ich dann schockiert feststellen, dass der Kurs offenbar völlig an ihr vorübergegangen ist. Beim Gewühl im Rattenbrustkorb entdeckte sie einen Lungenlappen. Da ich gerade in Quizstimmung war, ließ ich sie munter drauf los raten. Leber? Niere? Milz? Dabei atmete sie ziemlich energisch und ich wunderte mich, wie schwer es ihr offenbar fiel, von sich auf die Ratte zu schließen. Nachdem wir so ziemlich alles ausgeschlossen hatten, offenbarte ich ihr dann das Mysterium von der Lunge. Beim Besteckabgeben fragte ich sie, wo ihre Sonde sei. “Was is ne Sonde?” Ich glaube, das Ding hätten die Studenten wenigstens 4-5mal verwenden sollen. Aber naja.
Auch eine schöne geistige Fehlzündung erlebte ich mit einem Organismiker beim Präparieren des Seesterns. Der Magen setzt sich aus zwei Teilen zusammen, Pylorus und Cardia. Am Pylorus-Teil hängen - Überraschung! - die Pylorusdrüsen, riesiges, kaum zu übersehendes braunes Gekröse (zumindest bei den Präparaten aus den 70ern oder von wann die stammten). Er: “Welcher Teil vom Magen ist das jetzt?” Ich so: “Naja, guck mal, da hängen die Pylorusdrüsen dran. Was wirds dann wohl sein?” Sein Banknachbar: “Fifty-fifty!” Er: “Cardia?” Es geht noch weiter. Ich: “Nicht ganz. Überleg mal, Junge: Pylorusdrüsen!” Er: “Keine Ahnung.” Die Mädels gegenüber haben sich schlapp gelacht.
Sprüche vom Stil: “Mein Uterus sieht komisch aus” oder “Ich hab keine Eier” waren dieses Jahr leider sehr selten.
Geärgert habe ich mich primär über eine Assistenzmodulantin, die meiner Meinung nach keinen Schein verdient hat. Bei der Vorbesprechung tönte sie noch, dass sie alle möglichen Tiere kostenlos besorgen könne. Passiert ist natürlich nichts. Sie ist dann nicht einmal zum Vorpräparieren erschienen, obwohl das echt anzuraten gewesen wäre. Sie wolle sich “theoretisch vorbereiten”. Anscheinend hat sie aber auch das versäumt, denn ihr Nebenmann trug mir zu, dass sie jeden Tag zehn Minuten zu spät komme und dann unvorbereitet sei. Wenn ich an ihr vorbeikam, spielte sie meistens mit ihrem Handy oder dem Laptop herum. Beim Aufbau der Binos und Mikroskope hat sie auch nicht geholfen.
In einer Diskussion über American Football & Co. erdreistete sich unser Dienstältester zu behaupten, das sei nicht unbedingt eine Frauensportart. Daraufhin unterstellte sie ihm: “Du bist wohl auch so’n Macho, der glaubt, Frauen kann man mit nem dicken Auto abschleppen.” Ironie der Geschichte: Am nächsten Tag stieg sie in der Mittagspause zu einem Typen in den Jaguar. Wir haben uns köstlich amüsiert.
Bis dahin hatte ich ja keine großen Vorbehalte. Sie war jetzt nicht unfreundlich zu mir. Aber am letzten Tag wurde ich dann etwas pissig. Es ging ums Aufräumen. A. schlug vor: “Montag um zwei.” Sie: “Oh, das ist schlecht, da muss ich von eins bis acht arbeiten.” Ich mischte mich ein: “Dann machen wirs halt um acht.” Als ich in der Mittagspause die Klausuraufsicht ansprach, sagte sie sofort, da müsse sie auch arbeiten. Dann schob sie aber nach, dass sie sich ja eventuell freinehmen könnte. Ich teilte ihr mit, dass es wichtiger sei, wenn sie zum Aufräumen erschiene. Mag sein, dass ich da schon etwas patzig geklungen habe.
Damit sie uns nicht durch die Lappen ginge, einigten wir uns darauf, am Sonntag aufzuräumen und - Überraschung! - auch sonntags müsse sie arbeiten. Aber vielleicht könne sie sich ja frei nehmen…
Als wir dann abends die gröbsten Tierreste entfernten und ich gerade im Abfluss puhlte, um Rattenherzen und stinkige Fischstückchen vom Vortag zu entfernen, kam sie an und wedelte mit einem meiner Notizzettel. “Brauchst du deine Skizzen noch?” Ich dachte mir nur: “Alte, nimm deine Scheißgichtfinger von meinem Zeug und arbeite mal wie wir anderen auch.” Was hat die an meinen Unterlagen verloren?? Da kann ich mich schon selbst drum kümmern. Seitdem hatte ich sie irgendwie echt gefressen.
Am Sonntag passierte dann, womit keiner gerechnet hatte. Sie erschien tatsächlich zum Aufräumen, wie üblich eine Viertelstunde zu spät. Die Mannsbilder fuhren dann den Teil der Mikroskope weg, die nach oben gehörten, während wir anfingen, die Binos und Mikroskope von unten aufzuräumen. Oder besser: Ich fing an. Sie tanzte ein bisschen hierhin, ein bisschen dorthin, wickelte dies Kabel, warf jenen Zettel weg, schob die Mikroskope hin und her, studierte den Schrank, ging wieder nach drinnen, es war so schwierig, die Mikroskope den Nummern zuzuordnen, die aufgeklebt waren! So schwierig, dass ich in der Zeit, wo sie 4 Mikroskope einräumte, 26 den Gang auf und ab schleppte. Ich wurde leicht mordlüstern. Irgendwann will man ja auch mal fertig werden. Aber lohnt sich ja nicht, mit Leuten Streit anzufangen, mit denen man voraussichtlich nie wieder zu schaffen hat…

21. August 2009

1) Wow, ok, wo ist die verdammte Wirtschaftskrise, wenn man sie mal braucht? In den letzten zehn Minuten sind hier ohne Witz zwölf Züge über meine Nerven gefahren. Ich will spontan umziehen.
2) Wo bleibt eigentlich die Seuche, die den Großteil der Menschheit vernichtet? Konnte man anfangs noch auf die Schweinegrippe hoffen, ist dagegen jetzt auch schon wieder tonnenweise Impfstoff bestellt worden. Gott sei Dank, so sichern wir wenigstens Arbeitsplätze in der Pharma-Industrie. Die dürfte wohl auch zu den Branchen gehören, die die Wirtschaftskrise völlig kalt lässt. Gut, dass Menschen Angst haben, wo würden wir hingehen, wenn wir ein aufgeklärtes Volk wären? Bestimmt nicht nach Afghanistan, das ist mal klar.
3) “Ich lass mich impfen!”, sagte J. heute voller Enthusiasmus. Aber J. sagt auch, dass man Geld abschaffen muss, weil dann die Welt viel besser funktionieren würde. Da stimme ich zu, aber nur unter der Bedingung, dass vorher die große Seuche aus Punkt 2) gewütet hat.

Die Zeiten ändern sich

19. August 2009

Heutzutage kämpft man nicht mehr ums Dasein, sondern um die Daseinsberechtigung.

Ein paar Nachträge

14. August 2009

Fahrt nach Schrambach

Irgendwo bei Regensburg habe ich festgestellt, dass ich mein Handy in Nürnberg vergessen habe. Irgendwo bei Melk ist mir eingefallen, dass ich auch den Großteil meines Gelds in Nürnberg gelassen habe. Das war ziemlich geschickt von mir.
Es ist schon ein bisschen seltsam: Kaum habe ich die Grenze hinter mir gelassen, kaum Deutschland den Rücken gekehrt, schon begleitet mich ein ganz anderes Gefühl. Ich fuhr so in die Abenddämmerung und es war vollkommen egal, ob ich ein Handy dabei habe oder nicht und es ist auch ziemlich egal, ob ich Geld dabei habe oder nicht. Nach Schrambach kommen ist wie heim kommen.
Eigentlich bin ich ganz froh, kein Handy dabei zu haben. Ich habe mich selbst schon im Verdacht, dass es mein Unterbewusstsein absichtlich vergessen hat. Wer sollte mich auch anrufen? Diese eine Woche im Jahr, wo ich mir keine Gedanken über Uni oder Arbeit oder bestimmte Menschen machen muss, ist einfach nötig.

Es wurde dunkel, ich kam von der Autobahn nach Sankt Pölten, dann hinein in die Berge. Die Luft wurde immer besser, es wurde kühler, ich wurde entspannter. Irgendwie ist es schon ein bisschen Magie. Warum muss man eigentlich erst 1000km fahren, bis man guten Gewissens mal alles hinter sich lassen kann? Reine Kopfsache eigentlich, sollte man doch meinen.
Nach dem Ausladen folgte das Fredattensuppenritual, das schon immer so gewesen ist. Dann kamen wir in den Genuss des allabendlichen Heuschreckenkonzerts bei sehr hübschem Wetterleuchten über den Bergen und kurz, nachdem sich die Gesellschaft auflöste, hielt das Gewitter auch hier Einzug.
Jetzt bin ich todmüde und sehr zufrieden. Welch seltenes Gefühl!

Überschwemmung

Das Weinglas war gerade wieder gefüllt, als große Aufregung über den plötzlich einsetzenden Wolkenbruch die abendliche Entspannung unterbrach. Grund war nicht das Unwetter selbst, sondern die verstopfte Kanalisation, was zur Folge hatte, dass Frau R. unten im Haus flugs einen neuen Bachlauf durch ihre Wohnung hatte. Sie rief die Feuerwehr. Wir standen Spalier und warteten. Und warteten. Und warteten. Blöde Kommentare von “Gut, dass das Haus nicht brennt” bis “Bis die kommen, hat die Versicherung schon gezahlt” wurden getätigt. Aber so schlimm war’s ja gar nicht. Immerhin musste unser übernächster Nachbar erstmal von seiner Freundin ins Auto springen und in den Ort rein fahren, um dort vom Auto ins Feuerwehrdress zu wechseln und zurückzukommen. Das war irgendwie Ironie.
Jedenfalls rückte die Feuerwehr gleich mit drei Wagen und sicher 15 Leuten an, von denen dann die meisten herumstanden und ernst guckten. Das alpha-Männchen guckte am ernstesten. Es hatte auch schon den passenden Bart- und Augenbrauenschnitt zum Ernstgucken. Der Kanal wurde fachmännisch begutachtet und leer gepumpt. Das dauerte. Ich stellte währenddessen fest, dass wichtige Uniformen gewöhnliche Männer zu potentiellen Superhelden machen. Einen von den Kerlen hatte ich nachmittags noch beim Einkauf in der “Tavern” getroffen, wo ich mir noch dachte: “Ok…” Schön war er auch mit Uniform nicht, aber plötzlich hatte er einen ungeheuer wichtigen Auftrag und das hebt einen in den Olymp der dörflichen Sozialstruktur, auch wenn diese vorwiegend aus Frauen über 75 besteht. Gerade dann!
Jedenfalls sind diese Uniformen und die militanten Stiefel dazu ein Testosteron-Amplifikator erster Güte, das halte ich jetzt mal so fest und empfehle allen Männern, die sich von Frauen unterdrückt fühlen, zur freiwilligen Feuerwehr zu gehen oder eine vergleichbare Heldenkarriere zu starten.

Urgs

Ich schnüffel ja immer mal ganz gerne auf dem Dachboden herum, denn da gibt es oft lustige Sachen zu finden. Heute stieß ich auf einen Müllsack voll mit Fotos. Toll, dachte ich, das müssen die mysteriösen Fotos meinen Cousins sein. Ich hoffte, ein paar Familienfotos zu finden, was mir auch tatsächlich gelungen ist.
Man muss jetzt dazu sagen, dass mein Cousin nicht nur Fotograf war, sondern auch für die Kripo gearbeitet hat. Dazu ist er kein besonders ordentlicher Mensch und ich hätte eigentlich damit rechnen sollen, dass nach dem Foto von Hansis Hochzeit und Jaquelines erotischen Fotos für ihren Freund plötzlich mal so ein Männertorso ohne Gliedmaßen und Kopf auftauchen könnte. Aber es war noch früh am Tag und da denkt man nicht soviel.
Männertorso also. Sah irgendwie künstlich aus, wars aber nicht. Ich kenne solche Fotos ja bereits. Ist jetzt nicht so, dass mir davon die Galle hochkommen würde, aber so ein etwas komisches Gefühl krieg ich doch immer dabei. Zum Glück hatte der Torso keinen Kopf mehr, das ist es ja eigentlich, was so am schlimmsten ist. Die Bilder von den zwei Männern, die sich in den Kopf geschossen haben, gehen mir immer noch nach. Mein Cousin machte dazu lustige Geräusche und Gesten, um zu illustrieren, wie sich das Kleinhirn von Herrn S. Nach dem Kopfschuss auf den Weg ins Gartenbeet macht, während vom Kopf nur so eine Art Halloween-Maske des Gesichts übrig geblieben ist. Diese Art von Humor ist mir ein paar Nummern zu schräg. Ich könnte nie Bestatter sein oder Gerichtsmediziner. Gut, dass andere das machen.
Auf den Männertorso folgten lustige bunte Bilder von einem Mädchen-Handballspiel, einer Hochzeit, ein paar Privatfotos und dann ein aufgeschnittener Brustkorb. Alles wohlsortiert, Herz, Lungenflügel, Leber usw. Sah aus wie bei der Ratte.
Es folgten noch ein paar weitere Bilder von Tatorten, nackten toten Menschen, Tatwaffen, Beweisen, viel Blut und Innereien und sogar eine ziemlich gammelige Wasserleiche, Bilder von den Gerichtsmedizinern beim munteren Schwätzchen, im Vordergrund die Leiche der Frau, die jemand mit einem undefinierbaren Instrument ca. 20mal in Hals, Brust und Bauch gestochen hat, noch intubiert und blutverschmiert. Stichwunden sehen eigentlich ganz harmlos aus, wenn das ganze Blut erstmal weg ist.
Schrecklich, was Menschen Menschen antun. Eigentlich will ich von sowas ja gar nichts wissen. Aber vielleicht hat das auch nur damit zu tun, dass einem das die Sterblichkeit an sich und die Hässlichkeit des Todes vor Augen führt, der jeden irgendwann auf die ein oder andere Weise trifft. Das ist nichts, womit man sich in unserer Gesellschaft gern auseinandersetzt. Ich bilde da keine Ausnahme.
Jetzt habe ich mir wieder gründlich den Appetit auf Fleisch verdorben. Man sagt ja immer “You are what you eat”, aber das gleiche gilt auch umgekehrt “You eat what you are”. Und jedes Mal, wenn ich dann Fleisch essen soll, sehe ich das Menschenfleisch vor mir und mich graust. Alles dieselbe Biomasse. In ein paar Tagen bis Wochen gibt sich das sicher wieder, aber für heute bin ich mit Fleisch fertig.

Waldfest

Solche Feuerwehrfeste sind schon immer ne Erfahrung für sich. Ich kam mir vor wie auf Safari.
Meine Cousine hatte mich gefragt, ob ich mitkommen will und ich dachte mir wieso nicht? Jedenfalls war ich den ganzen Abend gut unterhalten. Ich habe Mitch kennengelernt, der mir maßlos übertriebene Geschichten erzählt hat. Wie er von der Polizei verprügelt wurde und so. Wie auf ner Goa-Party in Italien nach Einlassende die Türen zugeschweißt wurden und die Polizei drei Tage lang versucht hat, die wieder aufzuschweißen. Hm…
Dann habe ich “den Typen mit den roten Haaren, der neben mir saß” kennengelernt. Der war ganz schön frech für sein Alter. Ich habe vermutet, dass wir irgendwie verwandt sind. Er hat mich mit Komplimenten überhäuft und den Arm um mich gelegt. Ich hab ihm empfohlen, das sein zu lassen, weil ich es nicht mag, wenn Fremde mich anpacken. Er hat mir erzählt, dass er in seine Chefin verliebt ist. Ich hab ihm geraten, gut darüber nachzudenken, bevor er es ihr sagt. Er wird es garantiert trotzdem tun.
Ich habe mich mit Christian unterhalten und ihm geraten, die Finger von der gefährlichen “Frau X in Rot” zu lassen. Er hat sich bedankt. Fand ich nett.
Ich habe dem später etwas genervt aussehenden Mann am Ausschank gesagt, dass er sich tapfer hält und dem jungen dicken Typen davor, dass er zu jung für mich ist. Der wollte daraufhin ein Gespräch anfangen und mir erzählen, wie sehr ihm das egal ist, weil er ja seit zehn Jahren ne Freundin hat. Ich hab ihn nach seinem Geheimnis gefragt, aber er kannte es selbst nicht. Irgendwie wollte er sich wohl auch weiter unterhalten, aber wir sind rechtzeitig gegangen.
Ich habe irgendjemanden von irgendeiner Feuerwehr gefragt, wohin sie fahren und sie waren so nett, uns nach Hause zu bringen, obwohl sie in die komplett andere Richtung mussten. Das geile hier ist ja, dass es einen Bringdienst von der Feuerwehr gibt, der die Alkoholisierten von den Festen heim schafft. Aber wir hatten da echt Glück, denn die haben uns quasi direkt vor der Tür abgesetzt und auch überhaupt nichts dafür verlangt. Einer war überzeugt, dass ich aus Mecklenburg-Vorpommern komme. Ich habe das zwar ca. fünfmal berichtigt, aber dann wars mir auch egal. Bin ich halt n Ossi. Hat ihn ziemlich begeistert, warum auch immer.
Besoffene Menschen sind lustig. Einer hat mir dauernd gesagt, ich soll Wasser trinken, wegen dem Kater und so. Nachdem er uns das dritte Mal gefragt hat, habe ich ihm zuliebe einen Schluck Wasser getrunken. Er hat dann auch Ruhe gegeben.
Jedenfalls habe ich den ganzen Abend voll Interesse betrachtet und mich gut unterhalten. Außerdem hab ich einen Asiaten gesehen, der Ähnlichkeit mit Hongy hatte und ich wollte den am liebsten sofort adoptieren, aber ich war nicht sicher, ob er noch in meinen Schrank passt. Notiz an mich selbst: Muss aufhören, Asiaten zu diskriminieren, die find ich ja eigentlich voll toll.
Ein Gespräch hab ich auch völlig torpediert. Notiz an mich selbst: Menschen reagieren nicht durchwegs positiv auf Erzählungen von Ratteninnereien.
Ich bin gespannt, wie das morgige Brunchen abläuft.

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Ok, den Brunch muss ich ausblenden, das wirft überhaupt kein gutes Licht auf meine Familie :D