Fahrt nach Schrambach
Irgendwo bei Regensburg habe ich festgestellt, dass ich mein Handy in Nürnberg vergessen habe. Irgendwo bei Melk ist mir eingefallen, dass ich auch den Großteil meines Gelds in Nürnberg gelassen habe. Das war ziemlich geschickt von mir.
Es ist schon ein bisschen seltsam: Kaum habe ich die Grenze hinter mir gelassen, kaum Deutschland den Rücken gekehrt, schon begleitet mich ein ganz anderes Gefühl. Ich fuhr so in die Abenddämmerung und es war vollkommen egal, ob ich ein Handy dabei habe oder nicht und es ist auch ziemlich egal, ob ich Geld dabei habe oder nicht. Nach Schrambach kommen ist wie heim kommen.
Eigentlich bin ich ganz froh, kein Handy dabei zu haben. Ich habe mich selbst schon im Verdacht, dass es mein Unterbewusstsein absichtlich vergessen hat. Wer sollte mich auch anrufen? Diese eine Woche im Jahr, wo ich mir keine Gedanken über Uni oder Arbeit oder bestimmte Menschen machen muss, ist einfach nötig.
Es wurde dunkel, ich kam von der Autobahn nach Sankt Pölten, dann hinein in die Berge. Die Luft wurde immer besser, es wurde kühler, ich wurde entspannter. Irgendwie ist es schon ein bisschen Magie. Warum muss man eigentlich erst 1000km fahren, bis man guten Gewissens mal alles hinter sich lassen kann? Reine Kopfsache eigentlich, sollte man doch meinen.
Nach dem Ausladen folgte das Fredattensuppenritual, das schon immer so gewesen ist. Dann kamen wir in den Genuss des allabendlichen Heuschreckenkonzerts bei sehr hübschem Wetterleuchten über den Bergen und kurz, nachdem sich die Gesellschaft auflöste, hielt das Gewitter auch hier Einzug.
Jetzt bin ich todmüde und sehr zufrieden. Welch seltenes Gefühl!
Überschwemmung
Das Weinglas war gerade wieder gefüllt, als große Aufregung über den plötzlich einsetzenden Wolkenbruch die abendliche Entspannung unterbrach. Grund war nicht das Unwetter selbst, sondern die verstopfte Kanalisation, was zur Folge hatte, dass Frau R. unten im Haus flugs einen neuen Bachlauf durch ihre Wohnung hatte. Sie rief die Feuerwehr. Wir standen Spalier und warteten. Und warteten. Und warteten. Blöde Kommentare von “Gut, dass das Haus nicht brennt” bis “Bis die kommen, hat die Versicherung schon gezahlt” wurden getätigt. Aber so schlimm war’s ja gar nicht. Immerhin musste unser übernächster Nachbar erstmal von seiner Freundin ins Auto springen und in den Ort rein fahren, um dort vom Auto ins Feuerwehrdress zu wechseln und zurückzukommen. Das war irgendwie Ironie.
Jedenfalls rückte die Feuerwehr gleich mit drei Wagen und sicher 15 Leuten an, von denen dann die meisten herumstanden und ernst guckten. Das alpha-Männchen guckte am ernstesten. Es hatte auch schon den passenden Bart- und Augenbrauenschnitt zum Ernstgucken. Der Kanal wurde fachmännisch begutachtet und leer gepumpt. Das dauerte. Ich stellte währenddessen fest, dass wichtige Uniformen gewöhnliche Männer zu potentiellen Superhelden machen. Einen von den Kerlen hatte ich nachmittags noch beim Einkauf in der “Tavern” getroffen, wo ich mir noch dachte: “Ok…” Schön war er auch mit Uniform nicht, aber plötzlich hatte er einen ungeheuer wichtigen Auftrag und das hebt einen in den Olymp der dörflichen Sozialstruktur, auch wenn diese vorwiegend aus Frauen über 75 besteht. Gerade dann!
Jedenfalls sind diese Uniformen und die militanten Stiefel dazu ein Testosteron-Amplifikator erster Güte, das halte ich jetzt mal so fest und empfehle allen Männern, die sich von Frauen unterdrückt fühlen, zur freiwilligen Feuerwehr zu gehen oder eine vergleichbare Heldenkarriere zu starten.
Urgs
Ich schnüffel ja immer mal ganz gerne auf dem Dachboden herum, denn da gibt es oft lustige Sachen zu finden. Heute stieß ich auf einen Müllsack voll mit Fotos. Toll, dachte ich, das müssen die mysteriösen Fotos meinen Cousins sein. Ich hoffte, ein paar Familienfotos zu finden, was mir auch tatsächlich gelungen ist.
Man muss jetzt dazu sagen, dass mein Cousin nicht nur Fotograf war, sondern auch für die Kripo gearbeitet hat. Dazu ist er kein besonders ordentlicher Mensch und ich hätte eigentlich damit rechnen sollen, dass nach dem Foto von Hansis Hochzeit und Jaquelines erotischen Fotos für ihren Freund plötzlich mal so ein Männertorso ohne Gliedmaßen und Kopf auftauchen könnte. Aber es war noch früh am Tag und da denkt man nicht soviel.
Männertorso also. Sah irgendwie künstlich aus, wars aber nicht. Ich kenne solche Fotos ja bereits. Ist jetzt nicht so, dass mir davon die Galle hochkommen würde, aber so ein etwas komisches Gefühl krieg ich doch immer dabei. Zum Glück hatte der Torso keinen Kopf mehr, das ist es ja eigentlich, was so am schlimmsten ist. Die Bilder von den zwei Männern, die sich in den Kopf geschossen haben, gehen mir immer noch nach. Mein Cousin machte dazu lustige Geräusche und Gesten, um zu illustrieren, wie sich das Kleinhirn von Herrn S. Nach dem Kopfschuss auf den Weg ins Gartenbeet macht, während vom Kopf nur so eine Art Halloween-Maske des Gesichts übrig geblieben ist. Diese Art von Humor ist mir ein paar Nummern zu schräg. Ich könnte nie Bestatter sein oder Gerichtsmediziner. Gut, dass andere das machen.
Auf den Männertorso folgten lustige bunte Bilder von einem Mädchen-Handballspiel, einer Hochzeit, ein paar Privatfotos und dann ein aufgeschnittener Brustkorb. Alles wohlsortiert, Herz, Lungenflügel, Leber usw. Sah aus wie bei der Ratte.
Es folgten noch ein paar weitere Bilder von Tatorten, nackten toten Menschen, Tatwaffen, Beweisen, viel Blut und Innereien und sogar eine ziemlich gammelige Wasserleiche, Bilder von den Gerichtsmedizinern beim munteren Schwätzchen, im Vordergrund die Leiche der Frau, die jemand mit einem undefinierbaren Instrument ca. 20mal in Hals, Brust und Bauch gestochen hat, noch intubiert und blutverschmiert. Stichwunden sehen eigentlich ganz harmlos aus, wenn das ganze Blut erstmal weg ist.
Schrecklich, was Menschen Menschen antun. Eigentlich will ich von sowas ja gar nichts wissen. Aber vielleicht hat das auch nur damit zu tun, dass einem das die Sterblichkeit an sich und die Hässlichkeit des Todes vor Augen führt, der jeden irgendwann auf die ein oder andere Weise trifft. Das ist nichts, womit man sich in unserer Gesellschaft gern auseinandersetzt. Ich bilde da keine Ausnahme.
Jetzt habe ich mir wieder gründlich den Appetit auf Fleisch verdorben. Man sagt ja immer “You are what you eat”, aber das gleiche gilt auch umgekehrt “You eat what you are”. Und jedes Mal, wenn ich dann Fleisch essen soll, sehe ich das Menschenfleisch vor mir und mich graust. Alles dieselbe Biomasse. In ein paar Tagen bis Wochen gibt sich das sicher wieder, aber für heute bin ich mit Fleisch fertig.
Waldfest
Solche Feuerwehrfeste sind schon immer ne Erfahrung für sich. Ich kam mir vor wie auf Safari.
Meine Cousine hatte mich gefragt, ob ich mitkommen will und ich dachte mir wieso nicht? Jedenfalls war ich den ganzen Abend gut unterhalten. Ich habe Mitch kennengelernt, der mir maßlos übertriebene Geschichten erzählt hat. Wie er von der Polizei verprügelt wurde und so. Wie auf ner Goa-Party in Italien nach Einlassende die Türen zugeschweißt wurden und die Polizei drei Tage lang versucht hat, die wieder aufzuschweißen. Hm…
Dann habe ich “den Typen mit den roten Haaren, der neben mir saß” kennengelernt. Der war ganz schön frech für sein Alter. Ich habe vermutet, dass wir irgendwie verwandt sind. Er hat mich mit Komplimenten überhäuft und den Arm um mich gelegt. Ich hab ihm empfohlen, das sein zu lassen, weil ich es nicht mag, wenn Fremde mich anpacken. Er hat mir erzählt, dass er in seine Chefin verliebt ist. Ich hab ihm geraten, gut darüber nachzudenken, bevor er es ihr sagt. Er wird es garantiert trotzdem tun.
Ich habe mich mit Christian unterhalten und ihm geraten, die Finger von der gefährlichen “Frau X in Rot” zu lassen. Er hat sich bedankt. Fand ich nett.
Ich habe dem später etwas genervt aussehenden Mann am Ausschank gesagt, dass er sich tapfer hält und dem jungen dicken Typen davor, dass er zu jung für mich ist. Der wollte daraufhin ein Gespräch anfangen und mir erzählen, wie sehr ihm das egal ist, weil er ja seit zehn Jahren ne Freundin hat. Ich hab ihn nach seinem Geheimnis gefragt, aber er kannte es selbst nicht. Irgendwie wollte er sich wohl auch weiter unterhalten, aber wir sind rechtzeitig gegangen.
Ich habe irgendjemanden von irgendeiner Feuerwehr gefragt, wohin sie fahren und sie waren so nett, uns nach Hause zu bringen, obwohl sie in die komplett andere Richtung mussten. Das geile hier ist ja, dass es einen Bringdienst von der Feuerwehr gibt, der die Alkoholisierten von den Festen heim schafft. Aber wir hatten da echt Glück, denn die haben uns quasi direkt vor der Tür abgesetzt und auch überhaupt nichts dafür verlangt. Einer war überzeugt, dass ich aus Mecklenburg-Vorpommern komme. Ich habe das zwar ca. fünfmal berichtigt, aber dann wars mir auch egal. Bin ich halt n Ossi. Hat ihn ziemlich begeistert, warum auch immer.
Besoffene Menschen sind lustig. Einer hat mir dauernd gesagt, ich soll Wasser trinken, wegen dem Kater und so. Nachdem er uns das dritte Mal gefragt hat, habe ich ihm zuliebe einen Schluck Wasser getrunken. Er hat dann auch Ruhe gegeben.
Jedenfalls habe ich den ganzen Abend voll Interesse betrachtet und mich gut unterhalten. Außerdem hab ich einen Asiaten gesehen, der Ähnlichkeit mit Hongy hatte und ich wollte den am liebsten sofort adoptieren, aber ich war nicht sicher, ob er noch in meinen Schrank passt. Notiz an mich selbst: Muss aufhören, Asiaten zu diskriminieren, die find ich ja eigentlich voll toll.
Ein Gespräch hab ich auch völlig torpediert. Notiz an mich selbst: Menschen reagieren nicht durchwegs positiv auf Erzählungen von Ratteninnereien.
Ich bin gespannt, wie das morgige Brunchen abläuft.
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Ok, den Brunch muss ich ausblenden, das wirft überhaupt kein gutes Licht auf meine Familie